Die Welt rund um Frau K.
28. Juli 2008 by herr_k

Liebe Bahn

Liebe Bahn,

(bitte entschuldige die Anrede, doch die freundliche Frau am Schalter in Kassel gab mir nur eine Visitenkarte mit dem Titel “DB Kundendialog”, und da ich keine Ahnung habe, mit wem ich da eigentlich kommuniziere, habe ich einfach beschlossen, Dich als Ganzes anzureden… und sicherlich hast Du nichts dagegen wenn wir uns duzen, schließlich haben wir schon so viel zusammen durchgemacht, daß ein “Du” sicherlich angebracht ist).

Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll. Eigentlicher Auslöser für diesen Brief ist die Tatsache, daß bei meiner wöchentlichen Rückfahrt von Kassel nach Bonn-Mehlem am 27. Juli 2008 wieder einmal – wie so oft – alles schief gegangen ist, was nur schief gehen kann. Der Intercity, in dem ich reisen sollte, fiel ersatzlos aus (laut Durchsage erst “Signalstörung” mit 45 Minuten Verspätung, dann “Störung im Betriebsablauf” mit 50 Minuten Verspätung und dann schließlich der finale “Triebwerksschaden”), und auch die alternativen Verbindungen und die Anschlusszüge waren sämtlich derartig verspätet, dass ich jetzt – es ist halb zwölf Uhr in der Nacht – noch immer in einem Deiner Züge herumsitze und mich frage, ob ich mein Zuhause jemals wieder sehen werde und ob es nicht opportun gewesen wäre, vor Antritt der Fahrt meinen Nachlass zu regeln.

Ich könnte also schreiben: Ich hätte gerne mein Geld zurück. Dann wirst Du zurückschreiben, nein, das ginge leider nicht, Du könnest mir nur einen Teil des Fahrpreises erstatten. Und dann könnte ich wiederum zurückschreiben, daß mir das aber sowas von vollkommen scheißegal sei und daß ich für ein derartiges Chaos und einen derartigen Stress, wie ich ihn heute Abend zum wiederholten Mal mit Dir hatte, eigentlich obendrein noch Schadensersatz fordern könne… aber das möchte ich gar nicht, ich möchte nur meine Kohle zurück. Vollständig.

Wenn ich im Laden an der Ecke eine Packung Brühwürfel kaufe und dann zuhause feststelle, daß sich darin tatsächlich nur das gefriergetrocknete Erbrochene einer Katze befindet, dann kriege ich schließlich auch mein Geld zurück. Und wenn ich dann auch noch nachweisen kann, daß mir das regelmäßig alle drei Wochen passiert, dann wird irgendwann der Laden von der Bullerei dicht gemacht und die Bildzeitung titelt auf Seite 2 gleich über dem Tittenbildchen “SKRUPELLOSE ABZOCKER VERKAUFEN KATZENKOTZE STATT MAGGI”… aber, wie gesagt, so weit will ich gar nicht gehen. Ich hätte nur gerne, bitteschön und mit Sahne oben drauf, den Fahrpreis von €40,– in voller Höhe zurück. Vielen Dank.

Nun ja, Du siehst es schon, das wird nicht klappen. Und ich sehe schon, wenn Du überhaupt bis hierhin durchgelesen hast, dann wirst Du meinen Brief doch recht bald beiseite legen… was schade ist, denn ich habe offiziell immer noch eine Stunde Fahrzeit vor mir (in Wirklichkeit also vermutlich drei). Damit der Brief also wenigstens von irgendjemandem gelesen wird, habe ich mir die Freiheit erlaubt, ihn auch gleich auf meinen beiden Blogs (http://massenbelichtungswaffen.de/ und http://www.deichmannsaue.de/) zu veröffentlichen, die erreichen zusammen im Monat wenigstens an die 800 Leser.

Aber ich schweife ab, denn was ich Dir, liebe Bahn, eigentlich vorschlagen wollte, ist ein Geschäft. Ein Geschäft, das für Dich wesentlich vorteilhafter sein wird, als mir “nur” mein schnödes Geld zurück zu überweisen.

Dein äußerst sympathischer Chef Mehdorn behauptete neulich mal wieder, Deine Pünktlichkeit hätte im letzten halben Jahr über 90% betragen. Das heißt, weniger als 10% all Deiner Züge hatten in 6 Monaten eine Verspätung von mehr als 5 Minuten. Natürlich liegt es mir fern, diese Statistik zu bezweifeln oder Dich dazu zu bewegen, das doch lieber noch mal genau und zur Abwechslung mal unter Befolgung jahrundertelang bewährter Gesetze der Arithmetik nachzurechnen. Aber: Ich möchte Dir ganz ernsthaft einen Deal vorschlagen, mit dem Du Deine Pünktlichkeit auf volle 100% erhöhen kannst. Wirklich. Ohne Scheiß. Ist das nichts? Lies weiter!

Es ist nämlich so, daß offenbar ein kausaler Zusammenhang zwischen diesen hässlichen 10% und meiner Beanspruchung Deiner Dienste besteht. Denn wenn diese Zahl wirklich die Wahrheit ist, dann müsste es ja so sein, daß in Deinem Betriebsablauf größtenteils alles wunderbar funktioniert… jedoch: Irgendwo müssen sich diese läppischen 10% doch manifestieren! Und da mir meine persönliche Erfahrung zeigt, daß Deine tatsächliche Fahrplangenauigkeit irgendwo zwischen nullkommafünf und drei Prozent hin und her gagelt (ein Wort für “beim Laufen ziellos nach links und rechts wackeln” das ich höchstpersönlich erfunden habe und welches ich sehr süß finde), dann komme ich zu dem Schluss, daß Deine 10% wohl alle bei mir hängen müssen!

Und wenn ich all die Stunden bedenke, die ich wartend, hoffend und bis kurz vor dem Ausrasten angenervt an Bahnhöfen verbracht habe, all meine grauen Haare die Deinen Namen tragen, all das “selbst-zu-Fuß-braucht-man-nicht-9-Stunden-nach-Kassel!!!” was ich schon zitternd vor Wut von mir gegeben habe… ich weiß nicht wie und warum, aber es scheint tatsächlich an mir zu liegen. In einer Welt wo die Leute an Homöopathie, Bachblüten und Diamantwasser glauben, wo so gut wie niemand Botany Bay hört, wo George W. Bush Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, Wolfgang Schäuble deutscher Innenminister und Osama Bin Laden immer noch auf freiem Fuß ist… ist es denn da wirklich so abwegig, daß ich allein der Grund für all Deine Pünktlichkeitsprobleme sein soll? Aus Gründen, die jenseits unseres beschränkten Erfassungsvermögens liegen?

Nein, ist es nicht. Siehst Du wohl.

Daher mein Vorschlag: Du stellst meiner Freundin und mir auf Lebenszeit zwei Kraftfahrzeuge der gehobenen Mittelklasse zur Verfügung, inklusive Benzin, Steuern, Versicherung, Wartung und Pflege. Ich will mal nicht so weit gehen, auch noch zwei Fahrer von Dir einzufordern… wir erklären uns durchaus bereit, die Wagen selbst zu fahren. Es könnte sogar sein, daß Du bei meiner Freundin auch mit einem Mini Cooper plus Hundekörbchen davonkommst, aber das müsste man noch mal genau aushandeln.

Im Gegenzug erkläre ich mich bereit, niemals wieder Bahn zu fahren oder auch nur ein Bahnhofsgebäude zu betreten. Du wirst sehen – der Effekt wird ein ganz enormer sein!

Einhundert Prozent Pünktlichkeit, liebe Bahn, stell Dir das doch nur mal vor! Welch großes, schlagkräftiges Werbeargument. Welch ein Kundenmagnet! Welch perfekte Ausrede, Deine eh schon hoffnungslos überteurten Fahrkarten nochmal viel teurer zu machen! Was kannst Du Dir mehr wünschen?

Was sagst Du, werden wir Partner? Bitte antworte mir bald!

Liebe Grüße

Dein
Stephan

PS: Wenn Du einsteigst, dann verzichte ich ausnahmsweise auch auf meine Fahrpreis-Rückerstattung!

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10 Responses to “Liebe Bahn”

  1. Lieber Stephan,

    nach der Lektüre Deines offenen Briefes mußten wir tatsächliche feststellen, dass die 10% an Verspätungen tatsächlich immer zwischen Kassel und Bonn-Mehlem liegen und immer an Wochenenden aufkommen. Nach einer außerplanmäßigen Sitzung des Vorstands und des Ausichtsrates haben wir nun tatsächlich beschlossen Dir Deinen Wunsch zu erfüllen!

    Deine Freundin bekommt einen Mini Cooper (mit Luxus-Hundekörbchen) und für Dich sehen wir einen Audi A5 vor. Ist das so Recht? Um Dir noch die ganze Bitterkeit aus Deinem Gaumen zu nehmen, zahlen wir Euch noch die Kraftstoffkosten für das erste Jahr. Und als das vor Dir geforderte Sahnehäubchen, kriegst Du noch den vollständigen Fahrpreis Deiner letzten Tortur (ich meine natürlich Bahnfahrt) zurück überwiesen. Bitte schick mir noch Deine Kontodaten. Ich werde die Überweisung persönlich durchführen.

    Die Kosten dieser Aktion werden wir leider den verblienen Fahrgästen aufbürden müssen. Das wird sich im Rahmen von 20% abspielen. Dafür können wir aber mit 100% Pünktlichkeit prahlen. Wer kann das von sich schon behaupten?

    Ich hoffe das wir das damit geklärt hätten und wir Euch beide nie mehr wieder in der Bahn begrüßen müssen.

    Verachtungsvoll,
    Hartmut Banchef

  2. herr_k sagt:

    Na also, geht doch :) )

  3. Dominik Pich sagt:

    Also, wenn ich die Bahn waere, wuerde ich dieses Angebot wahrnehmen so schnell es geht!

    100% Puenktlichkeit! Und das gerade mal fuer zwei Autos!

  4. nasobem sagt:

    Im vollen Bewusstsein, hier ein irrelevantes Detail herauszupicken und darauf herumzureiten: “gageln” gibt es im Schweizerdeutschen schon seit Millionen von Jahren. Es bedeutet “mit dem Stuhl wippen”. Wollt ich nur gesagt haben.

  5. hmw sagt:

    Sie,

    werther Herr K, muessen in einem Paralleluniversum leben. Ich dachte bisher, die 10 von Hundert gingen auf mich. Und weil ich mich manchmal selber nicht kenne, gleich nochmal 10. Ich bin sozusagen selber schon parallelisiert. Bald ist es auch bei mir wieder soweit. Ich fahre meine ehemalige Pendlerstrecke. Aus dem Sueden, durch Hessen nach NRW. Ach, wieviele erbauliche Stunden habe ich in Ffm verbracht. Wenn ich gar an den Umstieg in Giessen denke, straeuben sich die Haare. Zumindest die hinter den Geheimratsachistjaauchegal. Und die vielen anderen Paralleluniversler, die ihre Anschluesse jedesmal auch nicht bekamen. Alles bedauerliche Einzelfaelle. Jeder Einzelne.

    Gruesse

  6. pappnase sagt:

    ich lehne bahnfahren ja seit meiner kindheit kategorisch ab, aus gründen.

  7. Kristof sagt:

    @Papp: Von der Märklin angefahren worden damals?

  8. pappnase sagt:

    allein gelassen worden, aus versehen…

  9. Kristof sagt:

    Oh, im Gepäcknetz vergessen sozusagen. Schlimm.

  10. mir_ist_nichts_eingefallen sagt:

    Hallo Herr K. Na Glückwunsch zu deinem A 5 und selbstverständlich auch Glückwunsch an Frau K. zu ihrem niegelnagelneuem Mini, hoffentlich ein Cooper S, mit Hundekorb selbstverständlich. Ich bin beeindruckt von der Einfachheit. Warum ist mir das nicht vor Jahren schon eingefallen….
    Das werden sich wahrscheinlich außer mir noch Millionen anderer denken. Hmm. Und so begab es sich zu der Zeit, als Millionen Deutsche zu einer 10 Prozent Minderheit gehören, bei denen die Bahn zu einhundert Prozent zehn prozentig unpünktlich ist und ein Auto fordert.
    Da es BMW und Audi nicht gelingt, dieses imense Fahrzeug Bestell Aufkommen der Bahn innerhalb kürzester zeit gerecht zu werden, ist es wohl leider von Nöten, das auch der Audi Mutterkonzern Volkswagen in diese Krise mit eingebunden werden muss. Somit erhebe ich hiermit Anspruch entweder auf den neuen Scirocco oder aber falls noch nicht lieferbar, einen EOS.
    Ich denke die Bahn sollte ernsthaft in Erwägung ziehen, die Konzerne VW, BMW sowie Audi zu fusionieren und als Tochterfirma in ihr Unternehmen zu integrieren. Das wäre mit sicherheit allein logistisch gesehen sinnvoller…
    In diesem Sinne,
    mir_ist_nichts_eingefallen , zumindest nichts besseres zu diesem Thema und dieser Stunde…
    to be continued

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