Heute ist es also soweit, ich darf auf die Beerdigung meiner Cousine gehen. Frau Mutter fragt, ob ich sie begleiten will.
Erst war ich mir unsicher, doch dann dachte ich. Dass das vielleicht ganz gut ist, schliesslich stand mir meine Cousine nicht ganz so nah und wir haben uns die letzten 10 Jahre kaum gesehen. Sie hat sich vor zwei Wochen das Leben genommen. Ist von einer Brücke gesprungen, sie war schwer psychisch krank. Man hätte ihren Selbstmord nicht aufhalten können.
Hier in unserem Ortskern gibt willenlose zweifelhafte Geschichten darüber. Sie war krank. Keiner hier hatte wirklich mit ihr zu tun. Alle zerreden sich das Maul darüber. Selbst über ihre Mutter. Die hatte schlimme Jahre und nun auch noch ihr Kind verloren. Ich hab dieses “Dorf” hier schon früher gehasst, diesen Kleingeist. Bloss nicht die Augen richtig öffnen und aufmerksam zuhören.
Ich galt hier immer als Sonderling, obwohl ich im Sportverein war. Immer Einzelgängerin, meine richtigen Freunde wohnten nicht hier, die wohnten in anderen Ortsteilen. Das hatten damals viele. Aber bei mir war immer alles anders.
Jetzt wo ich hier wieder mehr unterwegs bin und mit dem Hund durch den alten Ortsteil laufe, freue ich mich darüber, dass viele der alten Knispel hier nicht mehr wohnen, verstorben oder weggezogen sind, und ein neuer frischer Wind weht. Aufgeschlossene Menschen hierher ziehen und das verschlafene Nest zu neuem Leben erwägen.